(Anmerkungen zur Schreibwerkstatt an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften – Departement Psychologie – Mai/Juni 09)

•    Wir schreiben in der Regel zu spät. Vor allem bei längeren Schreibprojekten lohnt es sich, frühzeitig kurze Texte zu schreiben. Wir machen uns dadurch mit dem Thema vertraut (lernen!) und entwickeln spannende, überraschende Gedanken (exploratives Schreiben).
•    Wenn wir während/nach der Lektüre exzerpieren und auf Erkenntnisse stossen, halten wir diese fest. Was wir nicht festhalten, vergessen wir.
•    Also nicht denken: «Das gehört nicht hierher. Das schreib ich dann später auf.», sondern es festhalten.
•    Kurzes Texten begleitet also die Lektüre für ein längeres Schreibprojekt bzw. die Recherche für einen Artikel.
•    Zu einem bestimmten Zeitpunkt lege ich eine Struktur für meinen Text fest.
•    Diese Struktur fungiert im Hintergrund während des Schreibens. Sie gibt die Stossrichtung für meinen Text vor.
•    Während des Schreibens weiche ich allenfalls leicht von der Struktur ab. Ich lasse das zu, weil ich weiss: Das Schreiben verändert möglicherweise meinen bisherigen Text und verlangt eine Überarbeitung. Auch beim Schreiben des Rohtextes gilt: Durch das Schreiben entwickle ich neue Gedanken, komme zu überraschenden Wendungen und Verbindungen im Text. Die Struktur ist also das eine. Das andere ist der sich entwickelnde Text. Es geht nie darum, einen «im Kopf bestehenden Text» einfach niederzuschreiben. Indem ich schreibe, entsteht der Text.
•    Erst die Überarbeitung eliminiert Widersprüche, Ungereimtheiten, Unstimmigkeiten. Ich kann zum Beispiel den Anfang eines Textes erst richtig beurteilen, wenn ich den Schluss geschrieben habe. Der perfekte Text auf Anhieb ist von daher unrealistisch.
•    Schreiben heisst Linearisieren. Ich bringe die vermeintliche «Gleichzeitigkeit der Gedanken/des Wissens» auf eine Linie: eines nach dem anderen.
•    Durch das Schreiben bewege ich mich vom Chaos zur Ordnung, vom Diffusen zur Struktur. Indem ich schreibe, bringe ich Ordnung und Struktur in «das gleichzeitige Wissen».
•    Aus dem oben Gesagten folgt zusammenfassend:
o    Ich schreibe möglichst bald, entwickle Gedanken, mache mich schreibend mit dem Thema vertraut.
o    Ich entscheide mich für eine Struktur, einen Aufbau.
o    Ich schreibe dieser Struktur entlang und lasse Abweichungen zu.
o    Ich überarbeite meinen Text mehrmals.

•    Zu den kürzeren Texten: Es ist hilfreich, wenn ich bald einmal auf den Punkt bringe, worum es geht. Ich fasse die Hauptaussagen in wenigen Sätzen zusammen (erweiterter Lead). Nun weiss ich, was Thema ist, und laufe dadurch nicht Gefahr, mich in einem Randthema zu verlieren. Die Zusammenfassung gibt den Rahmen. Ich weiss, was ich sagen will. Zudem halte ich mir den Adressaten vor Augen. Ich will, dass meine LeserInnen meine Botschaft verstehen. Das bestimmt mein Schreiben bzw. Erzählen. Wenn ich mir den Adressaten vorstelle, weiss ich, wo ich mit Beispielen veranschaulichen muss, was ich ausführen soll, wo ich kurz sein darf.

Schreiben über Menschen – Text in der Ich-Form – sprachliche Umsetzung eines eigenen Erlebnisses

(Kurs «Über Menschen schreiben»; Schule für Angewandte Linguistik Zürich)

Wir haben in der letzten Sitzung versucht, einen witzigen Text zu schreiben: eine Episode, ein Erlebnis, eine Wahrnehmung – in Anlehnung an den Text von Küng (Schuhkauf).
Wie können wir auf Befehl einen witzigen, humorvollen Text schreiben? Ist das überhaupt möglich? Welches ist das Vorgehen? Anmerkungen zur letzten Übung.

Ich entscheide mich für eine Episode. Haben ich überhaupt etwas zu erzählen? Gibt es ein komisches Moment? Ist die Geschichte wirklich witzig? Was macht den Witz aus? Die Pointe? Die Art des Erzählens?

Wenn ich mich für eine Episode entschieden habe, dann lasse ich mich erzählend darauf ein. Das braucht Zeit. Ich beginne vielleicht mit Unsicherheit, Widerstand, Zweifel. Plötzlich aber bin ich im Text und erlebe die Episode nochmals schreibend – bzw. erfinde sie neu.

Ich lasse mich von der Eigendynamik des Erzählens tragen. Überraschungen gehören zum Handwerk. Oftmals entwickelt sich eine Pointe aus dem Schreiben heraus.

Ich überarbeite meinen Text, das habe ich immer im Sinn. Deshalb: zuerst einmal schreiben, eintauchen ins Erzählen.

Ich erzähle in grossen Linien, komme schnell auf den Punkt, verliere mich nicht in Details, die die Geschichte verlangsamen. Ich schreite im Erzählen schnell voran, fasse Erfahrungen zusammen.

Ich durchlebe eine Situation schreibend noch einmal. Ich tauche ein, bin eins mit den Wahrnehmungen, mental und emotional nahe am Geschehen. Nur so ist der Text glaubwürdig.

Ich habe einen Leser, eine Leserin vor Augen. Adressatengerechtes Schreiben motiviert. Ich finde dank Publikum die treffenden Worte.

Witz, Humor, Pointe lassen sich nicht erzwingen. Sie stellen sich durch das Schreiben erst ein. Nicht immer gelingt das.

Sich blossstellen und Selbstironie. Ich nehme mich nicht allzu ernst, schreibe selbstironisch, mit Augenzwinkern und stelle mich möglicherweise bloss. Das Ich im Text ist eine Erzähler-Figur. Diese Haltung erleichtert das Schreiben, schafft Distanz und Freiheiten.

Ein Kontrahent/Antagonist ist hilfreich. Im Kampf bin ich Held und Versager. Durch ein Gegenüber profiliere ich mich – als Künstler, Versager, Held, Abenteurer. Das Lächerliche lasse ich zu.

Ich überzeichne. Schreiben schärft die Wahrnehmung. Was ich sehe, höre, rieche beschreibe ich deutlich, mit klaren Strichen. Ich schildere, falls sinnvoll, drastisch. Ich arbeite aber auch mit Understatement, Bescheidenheit. Ich spiele mit Wahrnehmungen, Haltungen und der Sprache. Das heisst, ich löse mich von dem, was sich in Wirklichkeit ereignet hat, was ich wahrgenommen habe und schaffe durch das Schreiben eine eigene Wirklichkeit. Nochmals: Der Text entwickelt eine Eigendynamik, die Sprache bestimmt die Erzählung.

Wenn ich drastisch schildere, bin ich achtsam. Bilder, Metaphern, Vergleiche kippen gerne ins allzu Kitschige, Melodramatische. Drastisches Erzählen ist eine Gratwanderung. Wann ist es lustig? Wann nur lächerlich? Die Lektüre aus Distanz hilft. Es gilt auf jeden Fall: Einfälle nicht voreilig verwerfen.

Meine Stimmung entscheidet über den Text. Ich kann kolumnistische Texte schreiben, wenn ich in Stimmung bin. Was ich einmal amüsant finde, empfinde ich ein andermal als bemühend. Ich kann mich möglicherweise in eine Stimmung schreiben. Dieser Möglichkeit gebe ich zumindest eine Chance.

Zum Urteil über den eigenen Text. Ich kann mich in der Regel darauf verlassen, wie sich das Schreiben anfühlt. Ich merke genau, ob ich nahe an dem bin, was ich will. Wenn ich die angestrebte Erzählweise treffe, mich den Momenten des Gelingens und Scheiterns des Ich-Erzählers nähere, dann fühlt sich das gut an. Umgekehrt nehme ich während des Verfassens genau wahr, ob ich daneben liege, lächerlich bin. Dieser erste Eindruck befreit nicht von der Lektüre aus Distanz und dem Gegenlesen durch andere.

(Artikel für infos – Zeitschrift für Kaufleute in Ausbildung)

Freewriting ist eine Schreibtechnik, die einem das Verfassen von Texten erleichtert.

Vielleicht haben auch Sie diese Erfahrung gemacht: Sie müssen einen Brief schreiben, ein Konzept oder eine Arbeit für die Schule, aber der Text will Ihnen nicht gelingen. Sie sind blockiert, wissen nicht recht, was schreiben. Sie verfassen ein paar Zeilen und verwerfen sie wieder. Nach einigen Versuchen verlassen Sie den Arbeitsplatz enttäuscht. Vielleicht klappt es ja ein andermal.
Vielen geht es beim Schreiben so. Unter anderem hat das damit zu tun, dass man auf Anhieb zu viel will. Man möchte gleich einen perfekten Text verfassen und vergisst dabei, dass Schreiben ein anspruchsvoller Prozess ist und mehrere Durchgänge verlangt: Entwurf und Überarbeitungen. Natürlich verfasst der Schreibprofi gleich einen ansprechenden Text. Aber auch er muss überarbeiten, was er geschrieben hat. Das gehört zum Handwerk, denn beim Schreiben spielt sich vieles gleichzeitig ab. Man muss sich auf den Inhalt konzentrieren, sollte genau wissen, was man überhaupt aussagen will, schaut auf den Sprachstil und die Grammatik, darf das Zielpublikum nicht aus den Augen verlieren und achtet darauf, dass man innerhalb eines bestimmten Umfangs die Sache auf den Punkt bringt. Die Blockaden rühren daher, dass wir all die Ansprüche gleichzeitig erfüllen möchten.
Eine Möglichkeit, sich das Schreiben zu erleichtern, ist das Freewriting, das assoziative oder automatische Schreiben. Bei dieser Schreibtechnik geht es darum, dass man in den sogenannten Flow gerät, dass man einfach drauflos schreibt und so in leichter Weise Gedanken entwickelt. Es geht also um einen Textentwurf. Man kann das Freewriting ganz unterschiedlich anwenden: als sprachspielerisches Experiment, aber auch ganz gezielt als Vorbereitung für einen bestimmten Schreibauftrag.
Eine erste Übung funktioniert so: Nehmen Sie ein Blatt Papier und einen Stift oder verfassen Sie den Text am Computer. Beginnen Sie nun mit irgendeinem Satz und schreiben Sie während zehn Minuten einfach drauflos – was Ihnen in den Sinn kommt. Keine Angst, der Text ist nur für Sie bestimmt und wird von niemandem sonst gelesen. Machen Sie während des Schreibens keine Pause, halten Sie den Schreibrhythmus ein. Schreiben Sie zügig, aber nicht gehetzt. Lassen Sie sich von Ihrem Text tragen und überraschen. Verwerfen Sie nichts, auch wenn es banal erscheint, und blicken Sie nicht zurück. Lesen Sie also während des Freewriting nicht, was Sie geschrieben haben.
Diese Art des Schreibens ist wie Träumen. Es entstehen überraschende Bilder, witzige Episoden, seltsame sprachliche Wendungen. Vielleicht verfolgen Sie aber auch irgendeinen Gedanken und kommen so zu Erkenntnissen.
Wenn es Ihnen bei der Übung gut läuft, dann geraten Sie in eine Art Schreibrausch, eben in den Flow. Sie denken nicht mehr, was Sie schreiben wollen, sondern Denken und Schreiben sind eins. Auf diese Weise erfahren Sie auch, dass Schreiben ohne Blockaden ablaufen kann, und zwar weil Sie sich nicht auf all die vielen formalen Ansprüche wie Grammatik, Stil oder adressatengerechtes Schreiben konzentrieren, sondern ganz auf den Inhalt.
Wenn Sie diese Technik gezielt als Vorbereitung für einen Schreibauftrag anwenden, verfassen Sie Ihren Text nicht mehr völlig frei, sondern Sie gehen von einer Aufgabe oder einer Fragestellung aus. Im Folgenden ein paar Beispiele.
Ein Brief. Versuchen Sie einmal, einen Brief auf die Art, wie oben geschildert, zu verfassen. Das Anliegen, über das Sie schreiben, ist gegeben. Durch das relativ zügige Schreiben formulieren Sie direkt und kommen schnell zur Sache. Natürlich müssen Sie Ihren Brief danach überarbeiten.
Ein Bericht für ein Bulletin oder eine Mitarbeiterzeitung. Schreiben Sie, wie Sie jemandem berichten würden: klar, direkt, ohne Umschweife, mit Beispielen. Mit grosser Wahrscheinlichkeit schreiben Sie lebendiger als sonst.
Ein Konzept für eine Schularbeit oder ein Projekt. Viele Schreiber denken zu lange über eine Sache nach, bevor sie sich an den PC setzen. Dabei vergessen sie, dass Schreiben auch eine Form des Nachdenkens ist. Nehmen Sie sich fünfzehn Minuten Zeit und schreiben Sie alles auf, was Ihnen zum Thema in den Sinn kommt. Stellen Sie Fragen im Text, lassen Sie überraschende Zusammenhänge zu.
Ein Manuskript für ein Referat. Erzählen Sie in die Tasten, was Sie Ihren Zuhörern referieren werden. Schreiben Sie klar und bringen auf den Punkt, was Sache ist. Stellen Sie sich das Publikum vor. Achten Sie immer darauf, dass Sie relativ zügig schreiben. Sobald Sie unterbrechen, verlieren Sie den Faden und geben dem sogenannten inneren Kritiker Raum, der Ihren Text beanstandet. Aber das kommt nachher. Zuerst die Gedanken entwickeln. Diese kritisch prüfen können Sie später.
Erproben Sie diese Art des Schreibens an verschiedenen Textsorten und vergessen Sie dabei nicht: Es geht immer um das Entwickeln von Gedanken und/oder um einen Textentwurf, den Sie nachher überarbeiten werden. Die Erfahrung zeigt, dass viele Schreibende dank dieser Technik mit der Zeit auf Anhieb einen gelungen Text schreiben – unter anderem deshalb, weil Sie direkt erzählen und sich den eigenen Assoziationen anvertrauen, die meist logischer sind, als wir gemeinhin annehmen.

Das frage ich mich immer wieder. Ich setze mich einfach gerne hin und schreibe. Ich schreibe auf, was mir in den Sinn kommt. Meistens weiss ich nicht, was ich schreiben werde. Ich lasse mich überraschen. Ich machs einfach gerne: Gedanken, Beobachtungen, nachdenken oder Szenen, Anfänge von kurzen Geschichten. Wenn mich etwas beschäftigt, dann schreibe ich darüber, dann ist die Themenwahl klar.
Das Tagebuch schreibe ich für mich. Eigentlich seltsam. Meist lese ich meine Texte nicht mehr. Vielleicht liest sie jemand irgendwann oder ich später. Texte, sagt man, gehören publiziert oder vorgelesen. Beim Tagebuch ist es nicht so. Es geht um das Schreiben, nicht mehr und nicht weniger. Ich will niemand etwas mitteilen. Anders als beim beruflichen Schreiben sind diese Texte meist nicht zielgerichtet. Ich lasse ihnen freien Lauf und das macht Spass. Ich muss nicht feilen an diesen Texten, kann ausschweifend sein und mich von den Gedanken tragen lassen. Oft schreibe ich  Ähnliches. Als müsste ich mich über einen Sachverhalt wiederholt vergewissern. Es immer wieder festhalten. Die neuronalen Pfade einbrennen oder was auch immer sich im Gehirn abspielt. Irgend etwas wird geordnet. Jedenfalls fühle ich mich während des Schreibens und danach gut. Dies ist wohl der Hauptgrund, weshalb ich es immer wieder tue. Eine schöne Sucht sozusagen. Hab abgespeichert, dass ich mich danach wohl fühle. Wie beim Sport. Man muss sich plötzlich nicht mehr überwinden.
Was steckt dahinter? Weshalb fühle ich mich gut? Erstens: weil etwas in Fluss gerät. Es fliesst, das fühlt sich gut an. Ich bin eins mit dem, was ich tue. Das ist immer schön. Die Zeit vergeht, man hat etwas getan. Zweitens: Ich bin aktiv. Konsumiere nicht, lese nicht, sitze nicht vor der Kiste, surfe nicht. Auch das führt bekanntlich zu einem guten Gefühl.

Anmerkung zur Moderation zum Kurs Präsentieren/Moderieren ZHAW
Wie bereitet man sich eigentlich auf eine Moderation vor? Klar: Ich sollte mit dem Diskussionsthema einigermassen vertraut sein, das heisst, ich recherchiere oder ich verfüge bereits über das notwendige Wissen.
Dann notiere ich ein paar Fragen, drei bis fünf Fragen/Punkte genügen in der Regel.
Wir haben in einigen Moderationen gesehen, dass es allenfalls schwierig sein kann, sich an den vorbereiteten Kärtchen zu orientieren und sich gleichzeitig frei in der Moderation zu bewegen. Wenn ich mich stark auf die Fragen/Punkte auf den Kärtchen konzentriere, fühle ich mich eingeengt und unflexibel. Wenn ich die Kärtchen beiseite lasse, laufe ich möglicherweise Gefahr, Wichtiges zu vergessen.
Erfahrungsgemäss gelingen Moderationen eher besser, wenn man sich relativ frei durch das Gespräch bewegt – wir haben das bei einigen Moderationen gesehen. Die Diskussion ist lebendig, nimmt unerwartete Wendungen und wirkt nie zu stark angeleitet.

Probieren Sie es einmal aus: Sich einigermassen gut vorbereiten, dann die Fragen beiseite legen und sich ganz auf das Gespräch einlassen. Sich auch hier dem Einfall anvertrauen (wie beim freien Referieren).
Wenn ich mich nämlich nicht (zu stark) auf vorbereitete Fragen konzentriere, dann bin ich ganz im Gespräch, aktiv dabei, und dann stellen sich auch die klugen Fragen und Einsprüche ein.
Ein spannender Diskurs wird so ermöglicht – wie wir an unseren Sitzungen gesehen haben.

Nochmals zur Vorbereitung. Eine Möglichkeit ist auch ein kurzes Freewriting: Schreiben Sie fünfzehn Minuten zum Thema. Sie müssen den Text nicht einmal mehr lesen. Denn durch das Schreiben haben Sie einige Gedanken durchgespielt. Diese sind nun abgespeichert und Sie können Sie während der Moderation jederzeit abrufen.

Zum Seminar «Schreiben über Menschen» – Anmerkung: Wie wir lesen. Sich vom Text mittragen lassen und gleichzeitig Distanz bewahren. Zur Diskussion der letzten Sitzung.

Das letzte Mal haben wir darüber gesprochen, wie wir einen Text lesen und beurteilen. Bei gewissen Artikeln laufen wir Gefahr, wenn sie uns überhaupt nicht zusagen, dass wir abhängen, das heisst, nur noch ungenau lesen. Die Meinung ist nach wenigen Zeilen gemacht. Wenn wir so an Texte herangehen, nehmen wir uns aber die Urteilsfähigkeit. Wir können dann nicht wirklich etwas über einen Text aussagen. Wir haben uns geärgert, die negativen Gefühle bestimmen die Lesart.
Beim professionellen Lesen sollte das nicht sein. Ich darf mich zwar bei der Lektüre bis zu einem gewissen Grad tragen lassen. Das zeichnet ja gute Texte unter anderem aus: dass sie uns auch emotional ansprechen. Sie ziehen uns in Bann. Bei gelungenen Artikeln ist das meist kein Problem, weil wir «im Text sind». Wir müssen uns nicht anstrengen und können nach der Lektüre genau sagen, worum es geht.
Wenn wir Texte professionell betrachten, sie also analysieren, schauen, wie sie gestaltet sind, dann dürfen wir uns nicht wegtragen lassen – vor allem bei misslungenen Texten. Wir sollten sie gleichsam aus einem zweiten Blickwinkel betrachten. Ich freue mich oder ärgere mich über einen Text, aber ich bleibe immer wach, bin bei der Lektüre aufmerksam bis zum Schluss. Wenn ich mich über eine Passage ärgere, nehme ich das zwar zu Kenntnis, doch lege ich das gleich weg, damit mir der Blick nicht verstellt ist. Denn ich will ja sehen, wie der Artikel handwerklich zustande gekommen ist, wie er funktioniert oder weshalb er nicht funktioniert. Ich bin bei allen Emotionen immer imstande, den Text aufzuschlüsseln: Wie ist der Aufbau? Wie ist die Wortwahl? Sind die wichtigsten Inhalte wiedergegeben? Was fehlt? Wie tauchen Personen auf? Ist das sprachliche Register dem Thema angemessen? Ist der Text schlüssig und stimmig? Sind Zitate motiviert? Gibt es Längen? Wie ist der Rhythmus? Ist der Text redundant oder zu prägnant? Was spricht mich weshalb an? Wo packt der Text einen? Was genau macht es aus? Und so weiter. Eine solche Analyse ist nur bei klarem Blick möglich.
Man kann diese Haltung einüben. Ich darf einen Text durchaus misslungen finden, kann das auch äussern – und begründen! Aber ich lese bewusst mit offener Haltung bis zum Schluss. Mit der Zeit ist mir der «trennende Blick» vertraut: Ich sehe schnell, wie ich gefühlsmässig auf einen Artikel reagiere und bin gleichzeitig in der Lage, ihn zu analysieren.
Diese Haltung kommt übrigens – bei positiven Gefühlen – auch zum Tragen bei kitschigen Filmen, die uns anrühren. Ich ertappe mich immer wieder dabei, dass ich bei Filmen mitgehe und sie mir gefallen, obwohl ich gleichzeitig erkenne, dass sie nicht sehr anspruchsvoll, banal oder kitschig sind und bei der Kritik durchfallen. Beides ist möglich: emotional mitgehen und erkennen. Das eine schliesst das andere nicht aus.
Schliesslich: Ich habe mir angewöhnt, mich jeweils zu fragen, weshalb ich auf einen Text allenfalls stark emotional reagiere, ihn etwa ablehne. Liegt es nur am Text, am schlechten Handwerk, an der saloppen Schreibe, oder hat es auch mit mir, mit meiner Geschichte zu tun (natürlich hat es das immer)? Indem ich mir hier Rechenschaft ablege und versuche auch diesen Aspekt zu klären, schaffe ich Distanz. Dies wiederum fördert den klaren Blick.

Zum Seminar «Über Menschen schreiben» an der Schule für Angewandte Linguistik. Wir haben in einer Reportage von Bänz Friedli unter anderem geschaut, wie Personen im Text in Erscheinung treten.

Wie Personen in einem Text in Erscheinung treten – Anmerkungen zur Reportage von Bänz Friedli («Jägerin in der verlorenen Stadt»)

Zitate. Die Person wird zitiert. Längere und kürzere Zitate. Mit oder ohne redeeinführendes Verb. Redeeinführendes Verb vor dem Zitat oder danach. Zitate sind authentisch und der Rede nachempfunden. Im Text von Friedli finden wir viele Zitate. Die Wirkung ist Unmittelbarkeit. Wir sind nahe am Geschehen, «hören» die Protagonistin.
Indirekte Rede. Wenn möglich mit direkter Rede abwechseln. Längere indirekte Rede wirkt schwerfällig.
Interviewstory. Zwischendurch längere Interviewpassagen (Frage/Antwort). Dies erlaubt Nähe und Unmittelbarkeit. Zudem wird der Textrhythmus gebrochen. Als Textsorte eher selten; vor allem das Magazin publiziert solche Mischformen.

Handlung. Wir lassen die Personen handeln, zeigen sie, wie sie etwas verrichten (zum Beispiel im Einstieg in Friedlis Text, das Morgenritual von Mandara). Hier ist es wichtig, dass wir genau recherchieren, genau wahrnehmen oder – falls nicht vor Ort – uns die Handlung genau schildern lassen.
Ambiente beschreiben. Die Person wird indirekt auch durch das Ambiente, in dem sie sich aufhält, beschrieben bzw. charakterisiert. Genau beobachten (vgl. Beschreibung des Büros der Kommissarin).
Bewegung. Die Person bewegt sich, geht von A nach B. Wir zeigen, wie sie geht und was sie wahrnimmt.
Beschreibung der Kleider. Die auffallendsten Kleider beschreiben, meist nur ein bis drei Kleidungsstücke. «Trägt ihre Dieseljeans modisch auf Hüfthöhe, dazu eine weisse Bluse unterm violetten Strickgilet.»
Kommentierende Beschreibung der Person (zurückhaltend verwenden). Wir beschreiben einen Menschen mit Adjektiven, bringen unseren Eindruck, unsere Wahrnehmung auf den Punkt. «Eine herbe Schöne, diese Kommissarin, etwas zu braun gebrannt für die Jahreszeit, etwas zu blond an den Haarspitzen.»
Beschreibung des Sprechens. Wir versuchen zu beschreiben, wie jemand spricht. Wir geben im Text also nicht nur wieder, was wir sehen, sondern auch, was wir hören. «Mandara spricht Neapolitanisch, einen weich rollenden Singsang, der jedes T zum D, jedes P zum B abfedert und in dem jeder noch so scharfe Satz gemächlich klingt.»

Kurs an der Schule für Angewandte Linguistik – Frühling 08

Im Seminar «Über Menschen schreiben» geht es darum, wie wir über Personen schreiben, wie sie in Texten erscheinen.

Wir haben uns mit der Textsorte «Ein Tag im Leben von» (Magazin) beschäftigt. Text analysiert und eigene Texte geschrieben. Im Folgenden ein paar Anmerkungen zur Textsorte.

Anmerkungen zu den Texten «Ein Tag im Leben von»

Ich schreibe in der Ich-Form. Eine spezielle Textsorte. Ich achte darauf, dass ich die Tonalität der Äusserungen des Interviewten wiedergebe, wie er es gesagt hat. Ich muss den gesprochenen Text immer übersetzen: von der Mundart in die Schriftsprache. Zudem eliminiere ich Redundanz.

Ich nehme die Perspektive des Erzählenden ein. Beim Schreiben tauche ich gleichsam in den Erzähler ein. Ich bin im Text die Erzählerin. Das hilft mir, den richtigen Ton, die passenden Worte zu finden.

Ich kürze, bringe die Rede auf den Punkt. Was mir mein Gegenüber erzählt hat, das ist zu viel Text. Ich erzähle daher direkt, komme schnell auf den Punkt. Umständliches lasse ich weg. Wichtig ist meist, woran ich mich ohne Notizen erinnere.

Der Text wird überarbeitet. Es ist hilfreich, wenn ich bei der ersten Niederschrift relativ schnell erzähle. So gelingt es mir einfacher, in den Diskurs zu kommen, mich in die Person einzufühlen. Danach überarbeite ich den Text. Lautes Lesen hilft dabei.

Die Sprache ist der Rede nachempfunden. Helvetismen sind erlaubt. Ich bin nahe an der gesprochenen Sprache.

Die Ich-Perspektive erlaubt keinen Aussenblick. Ich kann nicht über die Person schreiben, sondern ich lasse die Person über sich erzählen. Das bedeutet, dass ich immer aus dem Blickwinkel der Erzählerin schreibe. Ihren Blick kann ich steuern mit gezielten Fragen. Beispiel: Ich darf eigentlich die Kleider eines Menschen nicht beschreiben, sondern die Person muss etwas über die eigenen Kleider sagen. Folglich muss ich danach fragen.

Mit Fragen steuere ich den Text. Viele porträtierte Menschen erzählen von sich aus das Wichtigste zum Beispiel über den Beruf. Dennoch sind meist gezielte Fragen sehr entscheidend, damit ich eine Person zu gewünschten Themen bringe. Eine gute Vorbereitung lohnt sich daher.

Mit Fragen strukturiere ich den Text und sie dürfen auch explizit im Artikel erscheinen. Die wichtigsten drei, vier Fragen strukturieren den Text. Wie ist der Tagesablauf? Was macht er? Was bedeutet ihm...? Wie ist er dazu gekommen? (zum Beispiel). Explizite Frage im Text: «Weshalb ich immer schwarz trage?...» In der Weise, aber Achtung, nicht zu häufig anwenden.

Ein Tag im Leben von. Meistens handelt es sich bei dem Text nicht wirklich um einen Tagesablauf. Die Textsorte ist Anlass/Rubrik. Dennoch erscheint in den Texten der Tagesablauf und von ihm ausgehend erfahren wir einiges über die Person, über ihre Geschichte, über ihre Leidenschaften und Laster. Variante 1: Text mit Tagesbeginn anfangen, in der Mitte den Mittag beschreiben, am Schluss den Abend. Also die Chronologie einhalten und von den einzelnen Tageszeiten/-tätigkeiten auf die Themen schwenken. Variante 2: irgendwann im Text auf die Tageszeiten zu sprechen kommen. Wenigstens einmal sollten wir den Tagesablauf ansprechen, damit wir das Porträt mit dem Gefäss (ein Tag im Leben von) verbinden.

Die guten Fragen, Präsenz und Interesse. Einen überzeugenden Text schreiben wir unter anderem, wenn wir die guten Fragen stellen, wenn wir nachforschen, weshalb jemand etwas tut, warum dies oder das gefällt, wenn wir das Handeln einer Person hinterfragen, die Bedeutung eines Vorgehens erforschen – das heisst, wenn wir echtes Interesse zeigen. Das Gegenüber spürt dieses Interesse und erzählt, denkt, angeleitet durch unsere Fragen, über sich nach und berichtet vielleicht Überraschendes. Wenn das Gespräch lebt, lebt später auch der Text – wenn wir ihn gut schreiben. Und: Wir halten uns beim Interview/Gespräch nicht sklavisch an unsere Fragen, sondern lassen das Gespräch laufen. Wenn wir aktiv zuhören und wirklich präsent sind, dann stellen wir im richtigen Moment die richtigen Fragen.

Die Studierenden an der Schule für Angewandte Linguistik hatten die Aufgabe, ein Stimmungsbild des Hauptbahnhofes zu verfassen. Sie hielten sich dort während einer Stunde auf und schrieben einen Text über ihre Wahrnehmungen. Eine Eintiegs-Übung zum Thema Reportage.

In der Übung sind ganz unterschiedliche Texte entstanden – Texte, die sich auf einen Schauplatz konzentrierten oder mehrere Schauplätze beschrieben. Unterschiedlich waren auch die Auftritte der «Hauptdarsteller». Es sind Gruppen aufgetaucht, einzelne Personen und Paare. Und ebenso verschieden waren die Sinneswahrnehmungen, die im Vordergrund standen. In einzelnen Texten sah man vor allem, in anderen hörten wir, dritte bedienten unseren Geruchssinn.
(Die Stimmungsbilder sind noch keine Reportagen. Doch in der Art, wie die Studierenden hier schrieben, werden sie auch in Reportagen schreiben: sinnlich, bildlich, anschaulich)

Im Folgenden einige Anmerkungen zur Wahrnehmung eines Ortes und zur Umsetzung im Text. Wie beschreiben wir etwas, was wir wahrgenommen haben (sehen, hören, fühlen, schmecken, riechen)? Wie wählen wir aus den vielen Eindrücken aus? Welche Eigenschaften einer Person beschreiben wir? (Paper für die Studierenden)

Die Eindrücke sind viele. Was wählen wir für unseren Text aus? Welche Personen treten auf? Wie beschreiben wir die Personen? Wir wählen zwangsläufig aus. Von den Hunderten von Personen, die wir sehen, entscheiden wir uns für ein paar wenige. Wir beschreiben eine Frau, die über den Platz geht und einen Koffer zieht. Wir zeigen, wie eine Gruppe von Kindern beim Treff wartet. In einem Café beschreiben wir nur wenige Gäste, einen Mann zum Beispiel, der ein Bier trinkt, und eine ältere Frau, die eine Crèmeschnitte verzehrt. Wichtig ist, dass wir im Rohtext nicht allzu lange überlegen, wen wir beschreiben. Wenn wir beobachten, dann fallen uns einzelne Menschen und Begebenheiten mehr auf als andere. Weshalb das so ist, können wir meist nicht sagen. Vielleicht tragen die Menschen ein besonderes Kleidungsstück, vielleicht sticht uns die Farbe eines Schals ins Auge, oder wir erinnern uns beim Schreiben an die Bewegungen einer Person. Es sind einzelne Bilder, Szenen und Personen, die beim Verfassen des Textes wieder auftauchen. Wir pflücken einige «Hauptdarsteller» aus der Menge heraus und beschreiben sie. Sie stehen stellvertretend für das Ganze; wir können in unserem Text nicht wie auf einer Fotografie alle abbilden.

Wir fokussieren auf einen Schauplatz. Wir können uns auf einen Ort beschränken. Wir sind gleichsam eine fest montierte Kamera, die sich höchstens um die eigene Achse dreht. Das Blickfeld und der Ort, den wir beschreiben, sind gegeben.

Wir wechseln den Schauplatz. Kann sein, dass wir uns auch bewegen, dass wir eine kleine Reise unternehmen und von einem Ort zum anderen wandern, so dass die Schauplätze wechseln. Wenn wir in der Ich-Form schreiben, können wir den Ortswechsel sprachlich einfach markieren, zum Beispiel: «Ich steige in den Lift und fahre in das obere Geschoss.» Durch einen solchen Schauplatzwechsel verändert sich auch die Perspektive. Plötzlich sehe ich den Ort von einem anderen Blickwinkel aus. Was ich vorher von nahe beschrieben habe, ist nun in grössere Distanz gerückt.
Wenn wir nicht in der Ich-Form schreiben, realisieren wir den Ortswechsel durch einen «harten Schnitt». Wir können Übergänge aber auch inszenieren. Wir beschreiben zum Beispiel eine Person, die von einem Ort zum anderen geht.

Totale und Zoom. Ich kann einen Ort, eine Szene in einer Totalen beschreiben, ich habe dadurch die Übersicht. Ich kann aber auch zoomen, zum Beispiel das sich reflektierende Licht in einem Glas ins Visier nehmen, die Brosamen auf dem Tisch, die zerknitterte Serviette. Dies bedingt, dass ich genau beobachte und für die Details die richtigen Worte finde.

Ich sehe, höre, rieche. Die Sinne bedienen. Schreiben für eine Reportage heisst auch: die Sinne bedienen. Der Leser, die Leserin soll meine Wahrnehmungen teilen. Ich sehe also nicht nur die Menschen in der Bahnhofshalle, sondern ich höre Stimmen, Dialoge, die Durchsagen im Lautsprecher, Musik. Oder ich rieche, nehme die vielen Gerüche zum Beispiel auf dem Markt wahr.

Wie verbinde ich im Text meine Wahrnehmungen? Indem ich in den Text eintauche. Ich sollte, wenn ich den Text schreibe, nochmals in das Erlebte eintauchen, die Bilder, Gerüche, Stimmen, alle Eindrücke, nochmals an mir vorbeiziehen lassen. Dies kann man kaum steuern. Ich beginne mit einer Wahrnehmung und schreibe nun, was kommt. Ich vertraue dem Einfall. Ich darf hier nicht zu lange überlegen, welche Reihenfolge sinnvoll ist. Wenn ich beobachte, etwas erlebe, dann steuere ich ja auch nicht, was ich höre oder sehe. Ich höre es einfach und ich sehe es einfach. Das Gleiche geschieht beim Schreiben. Die Eindrücke werden wieder abgerufen, sie haben gewissermassen ein Eigenleben – und dadurch eine «natürliche Ordnung». Die Erfahrung zeigt, dass Texte, die in dieser Weise geschrieben sind, starke Bilder erzeugen und lebendig wirken. Wenn ich beim Schreiben in eine Art Flow gerate, dann verweben sich die Eindrücke in natürlicher Weise, sie wechseln sich ab, es entsteht Rhythmus. Wenn ich relativ schnell schreibe, dann ist das Erlebte durch das Erzählen meist schlüssig miteinander verbunden. Das heisst nicht, dass ich später am Text nicht feile: kürzen und umstellen gehört zur Überarbeitung. Beim Schreiben des Rohtextes haben korrigierende Eingriffe aber nichts zu suchen.

Wie ausführlich schreibe ich? Ausführlich und in grossen Linien. Beides. Wenn ich zu ausführlich bin, kann es sein, dass mein Text Längen hat. Wenn ich zu lange bei einer Szene verbleibe, dann kann der Leser abhängen. Oft genügen «ein paar Striche» wie bei eine Skizze. Wenn die wenigen Sätzen sitzen, haben wir das Bild. Dennoch ist ein Verweilen bei einer Szene möglich, ein detailliertes «Protokollieren». Auch hier ist der Rhythmus des Wechsels wichtig. Kurze Striche und ausführlicheres Beschreiben. Erfahrungsgemäss ist man gerne zu lang, man erliegt dem Vollständigkeitswahn. Meist genügen wenige Sätze, um beim Leser, bei der Leserin ein Bild hervorzurufen. Die Kunst des Auslassens. Was ich nicht sage, ergänzt der Leser, die Leserin. Sie brauchen meist weniger als angenommen.

Ich sage nicht, wie es ist, sondern ich zeige es. Der Leser und die Leserin machen sich ein Bild. Kommentare und wertende Passagen haben hier nichts zu suchen. Ich protokolliere/beschreibe, zeige einfach, was ich wahrgenommen habe. Der Leser urteilt dann selber. Und doch kommentiere ich in gewisser Weise: nämlich durch die Auswahl der Szenen, durch die Art, wie ich beschreibe, durch die Tonalität und die Verbindungen meiner Wahrnehmungen.

Ich «protokolliere» genau, ich beschreibe, ich erzähle. Und ich ziehe Schlüsse. Bei der Übung haben wir gesehen, dass sich neben den Beobachtungen auch Gedanken in den Text geschlichen haben. Plötzlich wird eine Szene leise kommentiert, wird der Beschreibung ein eigener Gedanke nachgeliefert, kein ausführliches Reflektieren, einfach ein kurzer Gedankensplitter, eine «Denkwahrnehmung». Das darf sein. Die gelungene Reportage zeichnet sich dadurch aus, dass sie neben den recherchierten Informationen und dem atmosphärischen Schreiben auch solche kurzen Gedanken zulässt, Sätze die eine Wahrnehmung verstärken oder in ein anderes Licht rücken, Sätze, die Weiteres anklingen lassen. Doch ist es ein heikles Unterfangen, ich darf nicht erklären, was ich gesehen habe. Oft sind es Gedanken, die etwas auf den Punkt bringen und/oder eben etwas anklingen lassen. Auch hier können solche schlüssigen Gedanken kaum geplant werden, sie ergeben sich durch das Schreiben.

Letzte Woche sind in der Schreibwerkstatt an der Hochschule für Angewandte Psychologie unter anderem zwei Fragen aufgetaucht. Wir sprachen über das Verfassen einer wissenschaftlichen Arbeit, einer ersten Seminararbeit. Die Studierenden wollten wissen:

Erstens: Wie vermeiden wir es, dass wir bei der Verarbeitung von Literatur nicht nur abschreiben, zusammenfassen und zitieren? Was schreiben eigentlich wir? Was stammt von uns?

Zweitens: Wann beginnen wir mit Schreiben? Viele Studierende machen die Erfahrung, dass sie zwar viel lesen, aber kaum schreiben – jedenfalls über längere Zeit kaum schreiben. Was also mit dem Gelesenen anfangen?

Zur ersten Frage. Die Antwort lautet: Mut zum eigenen Text! Natürlich geht es in einer ersten wissenschaftlichen Arbeit auch darum zu lernen, wie man mit wissenschaftlichen Quellen umgeht, wie man Literatur in einem eigenen Text verarbeitet, wie man exzerpiert, zitiert und die Quellen zueinander in Beziehung setzt – eben um das wissenschaftliche Handwerk. Aber die Arbeit soll auch zeigen, wie jemand eine Fragestellung bearbeitet, wie er oder sie denkt, wie man aufgrund von Literatur zu eigenen Schlüssen kommt. Wissenschaftlich schreiben heisst hier: das eigenen Denken vorführen, es in Beziehung setzen zum Gelesenen, schlüssig argumentieren, und zwar in einer Weise, die andere nachvollziehen können. Hierfür braucht es den eigenen Text. Natürlich stellt sich Routine erst später ein, wenn man mehrere Arbeiten geschrieben hat. Argumentationsmuster, das Zitieren und in Beziehung-Setzen werden erst mit der Zeit zur Gewohnheit. Fehler sind bei ersten Arbeiten erlaubt.

Wer erstens schreibt, also den Mut zum eigenen Text aufbringt, entdeckt etwas Zweites: nämlich, dass schreibend denken Spass macht, spannend ist – die beste Voraussetzung, um nach einer Anfangsarbeit eine zweite in Angriff zu nehmen. Mit Lust.

Zur zweiten Frage: Wann schreiben? Antwort: Möglichst bald. Wer nicht nur liest, sondern das Gelesene gleichzeitig verarbeitet, ein Logbuch oder ein Journal führt, Anmerkungen und eigene Gedanken niederschreibt, der verarbeitet das Gelesene, reichert es mit eigenem Denken an, treibt einen Diskurs voran und vor allem: verinnerlicht Gelesenes. Diese ersten Texte sind noch nicht die Seminararbeit, wir können diese Texte nicht unmittelbar verwenden. Aber indem wir während des Lesens schreiben, fällt es uns später leichter die Arbeit zu verfassen, weil wir auf Gedachtes, auf Zusammenhänge, auf überraschende Ideen und spannende Bezüge zurückgreifen können. Zu viele Studierende lesen einfach, bearbeiten mit dem Leuchtstift ein Buch nach dem anderen – und vergessen. Schade. Viel Leuchtstift gebraucht und so klug als wie zuvor.